Perverse Anreize

Sonntag SZ
Von Mathias Binswanger

In den letzten Jahrzehnten hat es sich in vielen Grossunternehmen eingebürgert, dass Top-Manager bei Gewinnen jeweils die alleinige Verantwortung für das Unternehmensresultat übernahmen und gewaltige Bonuszahlungen kassierten. Bei Verlusten hingegen waren stets die anderen (Mitarbeiter, das wirtschaftliche Umfeld) verantwortlich und deshalb wurde in schlechten Jahren ebenfalls abkassiert. Diese Art der "leistungsgerechten" Entlöhnung erfreute sich demzufolge grosser Beliebtheit und wurde von den betroffenen Managern stets mit Klauen und Zähnen verteidigt. Die Finanzkrise hat nun aber einige dieser "Leistungsträger" in den Senkel gestellt, denn zu offensichtlich sind die Fehlleistungen der betroffenen, zuvor mit Bonuszahlungen überhäuften "Superbanker".

 

Selbst Bundesrat Merz hält mit Kritik nicht zurück: "Die Grundidee der Boni ist pervertiert worden", sagte er in einem Interview in der NZZ am 8. November. Doch diese Kritik geht nicht weit genug. Es ist die Grundidee der Bonuszahlungen selbst, welche perverse Anreize setzt. Innerhalb von Unternehmen sollen mit Hilfe von Bonuszahlungen nämlich Wettbewerb und Markt simuliert werden, so dass  Mitarbeiter möglichst viel Leistung für das Unternehmen erbringen. Also setzt man künstliche Anreize, indem man Bonuszahlungen als Zückerchen für leistungsfreudige Manager verteilt. Doch Märkte lassen sich nicht simulieren und simulierte Pseudomärkte schaffen nur Pseudoeffizienz. An diesem Problem ist schon die Planwirtschaft kläglich gescheitert, aber dasselbe Rezept wird uns seit Jahren als der Weisheit letzter Schluss für die Unternehmensführung vorgegaukelt.

In den Banken wurden vor allem zwei Arten von perversen Anreizen gesetzt: Erstens lohnte es sich für viele Banker, möglichst viel kurzfristigen Gewinn zu erzielen, egal welches Risiko damit verbunden war, denn dieses spielte für ihre "leistungsgerechte" Entlohnung keine Rolle. Und zweitens bestimmten Spitzenmanager im Teamwork mit Verwaltungsräten und Beratern innerhalb der Banken gleich selbst, wie ihre Leistung zu messen war und wie hoch diese honoriert werden sollte. Und das schöne daran, war: alle profitierten davon. Je mehr der eine verdiente, umso mehr konnte auch der andere abkassieren. Und damit die Zahlungen auch immer schön hoch blieben, wurde die Messung der "Leistung" immer wieder so umfrisiert, dass auch schlechte Resultate noch zu Topzahlungen führten. Auf diese Weise wird jedes Bonus-Malus System zu einem Bonus-Bonus-System.

Es kann jetzt nicht einfach darum, dass Professoren und Berater noch raffiniertere Bonussysteme für Manager ersinnen. Diese schaffen nur wieder neue perverse Anreize. Echte unternehmerische Leistung kommt nur auf einem echten Markt zum Ausdruck und nicht auf unternehmensintern inszenierten Pseudomärkten. Mit den durch diese verursachten Verhaltensperversionen schaufelt man letztlich das Grab der freien Marktwirtschaft. Und die wollen wir doch noch ein bisschen behalten.