Information ist der grösste Feind eines Investors

© Aargauer Zeitung / MLZ; 02.05.2007; Seite 2

Interview Professor Mathias Binswanger über die Jagd ausländischer Investoren auf Schweizer Unternehmen

Hedge Funds, Private-Equity-Firmen und Einzel-Investoren aus dem Ausland machen Jagd auf Schweizer Industrieunternehmen. Droht ein Ausverkauf? Die MZ sprach mit Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

 

Max Fischer: Von einem auf den andern Tag wird ein Nebenaktionär plötzlich zum Hauptaktionär. Versagen die Schutzmechanismen?
Mathias Binswanger: Eigentlich ist der Aktienmarkt ja ein freier Markt, an dem jeder kaufen oder verkaufen kann. Und nicht anders als vor Jahren Werner K. Rey, Tito Tettamanti und dann Martin Ebner gibt es auch heute aktive Investoren, die dort einsteigen, wo ihrer Meinung nach eine Firma unterbewertet ist. Und vorzugsweise steigen die Investoren dort ein, wo sie einen Informationsvorsprung haben. Wenn immer alle alles wissen, locken keine grossen Gewinnchancen.

Max Fischer: Das heisst: Die transparente, möglichst vollständige Information . . .
Mathias Binswanger: . . . ist der grösste Feind eines erfolgreichen Investors. Eine Aktienbörse ist in der kurzen Frist keine demokratische Veranstaltung, wo alle ein bisschen gewinnen. Ein paar wenige haben Einfluss, können Lücken ausnutzen wie in den aktuellen Fällen, wo die Meldepflicht mit dem Kauf von Optionen auf Aktien umgangen wird.

Max Fischer: Und Sie finden das gut?
Mathias Binswanger: Es gibt in der Wirtschaft nicht einfach Gut und Böse. Es geht hier um einen uralten Konflikt in der Marktwirtschaft. Der Markt selber wird von den Marktteilnehmern immer wieder ausgehebelt, indem sie versuchen, diesen zu dominieren. Weil immer die Gefahr besteht, dass der Markt verschwindet, wenn man ihn sich selber überlässt, gibt es all diese Anti-Kartell-Gesetze und Monopol-Bestimmungen.

Max Fischer: Ohne den Staat als ordnende Hand geht es also nicht?
Mathias Binswanger: Man braucht gewisse Bestimmungen, sonst haben freie Märkte keine Chance. Auf der andern Seite lähmen zu viele Bestimmungen die Wirtschaft. Es ist eine Gratwanderung. Aber der Staat muss ständig für einen funktionierenden Markt kämpfen › die wichtigen Marktteilnehmer wollen im Allgemeinen keinen freien Markt mit vielen Anbietern. Sie streben vielmehr nach Monopolstellung und sorgen für Intransparenz.

Max Fischer: Es erweckt den Anschein, dass in der Schweiz der Staat seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Droht uns nun deshalb der Ausverkauf unserer einstigen Industrie-Perlen?
Mathias Binswanger: Wir neigen dazu, aktuelle Ereignisse als Langzeit-Trends darzustellen. Hedge Funds, Private-Equity-Gesellschaften und private Investoren profitieren im Moment von einer weltweit sehr guten Wirtschaftslage, boomenden Börsen und der Tatsache, dass sehr viele liquide Mittel › neu auch in Russland und in Asien › vorhanden sind. Es ist aus wirtschaftlichen Überlegungen nicht verwunderlich, dass Gelder auch in Schweizer Unternehmen investiert werden. Wir sind uns in der Schweiz aber nicht gewohnt, dass Ausländer hier Geld in grossem Stil anlegen. Nach wie vor inves- tieren wir aber viel mehr Geld im Ausland, als Ausländer Geld in der Schweiz investieren.

Max Fischer: Nochmals: Sie haben keine Angst, dass all unsere traditionellen Industrie-Unternehmen ausgehöhlt und verscherbelt werden?
Mathias Binswanger: Die Welle der Käufe und Verkäufe gibt es so oder so. Mit der Globalisierung hat diese Tendenz zugenommen. Das trifft jedoch nicht nur auf die Schweiz, sondern auch auf alle andern Wirtschaftsnationen zu. In den meisten Fällen kommt es zu einer Umverteilung des Kapitals, Vermögen wird von einem Funds zum andern umgeschichtet. Die Auswirkungen auf die Realwirtschaft sind meist nicht so gross, wie viele immer wieder befürchten. Der Grund: Finanzmärkte und Börsen führen eine Art Eigenleben. Weltweit besitzen ein paar wenige Prozente der Bevölkerung die meisten Aktien. Der Rest hat einige wenige Titel und die meisten Menschen haben gar keine Aktien. Genau die Leute und Firmen mit sehr viel Vermögen benötigen aber das Geld aus aktuellen Transaktionen gar nicht, um es für Konsum oder Investitionen in der Realwirtschaft auszugeben. Wenn das Geld nicht in einen andern Funds transferiert wird, kommt es bestenfalls zum Kauf von Immobilien. Aber auch dabei handelt es sich wieder um eine Vermögensanlage. Die reale Wirtschaftstätigkeit wird davon kaum betroffen.

Max Fischer: Aber stört Sie denn die Undurchsichtigkeit gewisser Investoren überhaupt nicht?
Mathias Binswanger: Das Kapital war immer anonym. Das besagt schon der französische Name von AG, Société Anonyme. Einzelne Investoren aus Russland sind in kurzer Zeit aber auf besonders undurchsichtige Weise zu enormem Vermögen gekommen. Das hängt mit der Privatisierung Anfang der 90er-Jahre zusammen. Jetzt kaufen einige dieser Milliardäre Fussballklubs › andere investieren in Schweizer Firmen. Aber sie kaufen uns deshalb nicht gleich auf. Einerseits sind die Mehrheit der Schweizer Firmen KMU und grösstenteils in Schweizer Besitz und anderseits sind unsere Unternehmen auch ziemlich teuer, es gibt keine wirklichen Schnäppchen.

Max Fischer: Bei einzelnen Investoren wie Vekselberg weiss man zumindest, mit wem man es zu tun hat. Bei einem Hedge Fund handelt es sich aber um eine reine Blackbox.
Mathias Binswanger: Sie sagen es! Aber die meisten dieser Blackboxes sind keine Geldmaschinen. Viele laufen durchschnittlich oder schlecht. In der Öffentlichkeit werden aber nur die Ausreisser nach oben und nach unten wahrgenommen: also die absoluten Gewinner und der Total-Crash. Beides bildet aber das Geschehen nicht objektiv ab. Die meisten kochen auch nur mit Wasser. Doch weil ein Hedge-Funds-Manager grosse Freiheiten bei seinen Inves- titionsentscheiden besitzt, können ihm die Inves- toren nicht wirklich auf die Finger schauen. So können sich gewisse Hedge-Funds-Manager Macht aufbauen, etwa indem sie heimlich eine grosse Menge Optionen auf bestimme Aktien erwerben. Durch gezieltes Streuen von Gerüchten lösen sie bei Anlegern dann einen Herdentrieb aus, man hört von XY der mit dem Aufkauf der Firma Z begonnen habe › und schon springen andere Aktionäre auf den Zug auf. Wenn das gelingt, dann können Hedge-Funds-Manager saftige Gewinne einstreichen. An der Firma selbst sind sie in einem solchen Fall jedoch gar nicht gross interessiert.

Max Fischer: Wie kann sich ein Unternehmen schützen?
Mathias Binswanger: Eine Abwehrmassnahme ist ein starker Familienbesitz wie beispielsweise bei der Swatch Group und Hayek. Am einfachsten ist es aber, wenn man gar nicht an der Börse ist › Migros oder Coop kann man nicht übernehmen! Und auch die meisten traditionellen KMU sind gegen solche Übernahmen immun.

Max Fischer: Die KMU werden oft belächelt.
Mathias Binswanger: Zu Unrecht. Sie sind das Rückgrat unserer Wirtschaft. In diesen Firmen lebt der unternehmerische Geist oft noch stärker als in den von Managern diktierten börsenkotierten Unternehmen. Wenn die Schweizer Wirtschaft jetzt wieder gut läuft, dann ist das nicht nur das Verdienst der börsenkotierten Firmen sondern auch der KMU.

Es gibt in der Wirtschaft nicht einfach nur Gut und Böse. Es geht hier um einen uralten Konflikt in der Marktwirtschaft.

Wenn die Schweizer Wirtschaft jetzt wieder gut läuft, ist das auch das Verdienst der KMU.

Mathias Binswanger
Der 44-Jährige ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der FH Nordwestschweiz und Privatdozent an der Uni St. Gallen. Forschungsschwerpunkte sind Finanzmarkttheorie, Makro- und Umweltökonomie. (mz)