Hoch qualifiziert – und arbeitslos

© BILANZ 23/12 31.12.2012

Warum die Schweiz auf dem besten Weg ist, immer mehr Jugendliche am Arbeitsmarkt vorbei auszubilden.

 

Ab nächstem Jahr ist ­Bundesrat Johann Schneider-Ammann auch ­Bildungsminister. Eingeläutet hat er seine neue Aufgabe bereits mit einer bemerkenswerten Aussage in der «NZZ» Ende Oktober. Er sagte: «Ich hätte lieber etwas weniger, dafür bessere Maturanden.» Klar, dass Kritik da nicht lange auf sich warten liess. Das Statement widerspricht nämlich der auch in der Schweiz grassierenden Tonnenideologie im Bildungswesen, wonach ein Volk umso kompetenter und ­besser ist, je höher die Maturitätsquote ausfällt und je mehr Menschen ein Studium absolvieren.

An diese Ideologie glaubt auch Daniel Oesch, ­Assistenzprofessor an der Universität Lausanne, der sich bemüssigt fühlte, Schneider-Ammann in der «NZZ am Sonntag» vom 18. November zu widersprechen. Da lesen wir, dass eine geringere Zahl von ­Maturanden sowohl der wirtschaftlichen Logik als auch der sozialen Gerechtigkeit widerspreche. Und Oesch glaubt dies auch beweisen zu können, nämlich mit Hilfe einer Statistik der Schweizerischen ­Arbeitskräfteerhebung. Diese zeige nämlich bei einem Vergleich der Zahlen aus den Jahren 1991 und 2008, dass in dieser Zeitspanne Stellen vor allem dort entstanden sind, wo die Ausbildungen besonders lang und maturaintensiv sind (Ärzte oder Anwälte), während dort, wo die Ausbildungen kurz und ohne Matura ablaufen (Putzhilfen oder Bauhilfs­arbeiter), Stellen abgebaut wurden. Oesch glaubt folgern zu können, dass es immer mehr Maturanden und immer weniger Lehrabsolventen brauche.

Diese Argumentation zeigt exemplarisch, was dabei herauskommt, wenn man Ursache und Wirkung durcheinanderbringt. Denn die Steigerung der Nachfrage nach Maturanden hat nur wenig damit zu tun, dass es immer mehr Ärzte und immer weniger Putzhilfen beziehungsweise immer mehr Anwälte und immer weniger Aushilfsarbeiter braucht. Vielmehr ­ergibt sich der wachsende Bedarf zum grossen Teil daraus, dass heute für viele Berufe, die man vor 20 Jahren mit Lehre oder Seminarausbildung ausüben konnte, Matura und Studium erforderlich sind. So wurde beispielsweise aus dem Beruf der Krankenschwester, für den 1991 noch eine Lehre ausreichte, der Beruf der Pflegefachfrau, den man nur mit Bachelor ergreifen kann. Und für den Beruf des Primarlehrers, den man früher ohne ­Matura mit Seminarausbildung erlernen konnte, braucht es jetzt ein ­Studium an einer Pädagogischen Hochschule mit Bachelorabschluss. Die steigende Nachfrage nach «Akademikern» wurde also künstlich geschaffen durch eine Tertiarisierung vieler Bildungsgänge, die unser bewährtes duales Bildungssystem zunehmend marginalisiert. Man findet es heute wichtig, dass junge Menschen möglichst lange Zeit an Bildungsinstitutionen ­absitzen – ganz egal, wo sie nachher arbeiten und was sie machen werden.

Wohin das führt, erkennen wir, wenn wir nach Finnland schauen, wo die Maturitätsquote bei über 90 Prozent liegt. Nach der Argumentation von Oesch müssten wir zur Schlussfolgerung gelangen, dass Finnland der Schweiz meilenweit voraus sei. Denn die ohne Matura bewältigbaren Jobs gebe es in der finnischen Wirtschaft im Unterschied zu der noch unterentwickelten Schweiz kaum mehr. Die Realität sieht freilich anders aus: Die hohe Jugendarbeitslosenquote von über 20 Prozent zeigt, dass in Finnland am eigentlichen Arbeitskräftebedarf vorbei ausgebildet wird. Hohe Maturitätsquoten sind ein hervorragendes Mittel, um die Jugendarbeitslosigkeit zu fördern. Doch auf diese Förderung verzichten wir gerne.