Das Ende der Geldpolitik

© BILANZ 03/12 16.02.2012

Bei einer Inflation haben die Zentralbanken keine Möglichkeit mehr, die Geldmenge zu steuern, um Blasen zu verhindern.

Schulbuchmässig stellt man sich unter Geldpolitik Folgendes vor: Die Zentralbank ­reguliert über ihre Zinssatzpolitik indirekt die Geldmenge, indem sie sogenannte Reserven (Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank) teurer oder billiger macht. Droht Inflation, dann erhöht die Zentralbank den Zinssatz, um so die Wirtschaft zu bremsen und Inflation zu verhindern. Umgekehrt senkt sie bei einer Rezession die Zinsen, um die Wirtschaft zu stimulieren. Und damit der Einfluss der Zentralbanken auf die Kreditvergabe der Geschäftsbanken auch gewährleistet ist, gibt es noch die Mindestreserve-Vorschriften. Diese zwingen die Geschäftsbanken dazu, den Bestand an Reserven mit einer Ausdehnung der Kreditvergabe und der damit verbundenen Schaffung von Guthaben zu erhöhen.

So weit die Schulbuchweisheit. Seit ein paar Jahren ist das jedoch Makulatur, und es gibt keine Geldpolitik mehr in diesem Sinn. Angeführt von der amerikanischen Zentralbank, der Fed, haben sich die wichtigen Zentralbanken von der traditionellen Steuerung der Geldmenge zurückgezogen. Stattdessen stellen sie seit Jahren den Geschäftsbanken unbeschränkt und praktisch zum Nulltarif so viele Reserven zur Verfügung, wie diese nur immer wollen.

Begonnen hat diese Änderung der Zentralbankpolitik mit der Hypothekarkrise in den USA im Jahr 2008. Damals senkte die Fed den Zins mehr oder weniger auf null und stellte den Banken unbeschränkt zusätzliche Reserven zur Verfügung – vor allem auch, indem sie ihnen durch die Krise wertlos gewordene Schrottpapiere abkaufte. Damit verbunden war ein rasanter Anstieg der Reserven, deren Menge heute im Vergleich zum August 2008 35-mal so gross ist. Die Mindestreserve-Anforderung, die von den ­Geschäftsbanken bis 2008 immer relativ knapp erfüllt wurde, ist heute 18fach übererfüllt. Das heisst: Die Banken schwimmen in Reserven und brauchen die Zentralbank bis auf weiteres nicht mehr.

Und so soll es auch bleiben. Der US-Notenbankchef Ben Bernanke hat ­bekanntgegeben, dass er bis 2014 an dieser Nullzinspolitik der unbeschränkten Reserven festhalten möchte. Die Entwicklung der Geldmenge wird somit ausschliesslich durch die Kreditvergabe der Geschäftsbanken bestimmt, und die Notenbank hat de facto keinen Einfluss mehr darauf. Ihre einzige Aufgabe besteht zurzeit darin, die Stabilität des Finanzsystems zu erhalten.

Und das ist nicht nur bei der Fed so, sondern ganz ähnlich auch bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Hierzulande ist der Zinssatz seit August 2008 ebenfalls praktisch bei null. Die Reserven der Banken sind seit 2007 (Jahresdurchschnittswerte) auf das 18fache angestiegen, und die Mindestreserve-Anforderungen sind mittlerweile 17-mal übererfüllt. Allerdings hat sich die SNB im Unterschied zu Fed und EZB, bei denen es im Moment nur um die Finanzstabilität geht, noch ein zusätzliches Ziel gesetzt: die Einhaltung der Untergrenze von 1.20 Franken beim Euro-Wechselkurs.

Ein unkontrolliertes Wachstum der Geldmenge könnte zu einer Inflation führen. Das ist aber nicht der Fall, denn es gibt zurzeit nur wenig profitable Investitionsmöglichkeiten in der Realwirtschaft, welche Banken mit Krediten zu finanzieren bereit sind. Und auch da zeichnet sich keine Änderung der Situation ab. Gefahr droht, wenn Banken wieder vermehrt damit beginnen, Kredite für den Kauf von Firmen, Wertpapieren oder Immobilien zu vergeben. Eine nächste spekulative Blase liesse nicht lange auf sich warten.