Immobilienboom statt Inflation

© BILANZ 5. 5. 2015

Neu geschaffenes Geld könnte die Wirtschaft ankurbeln. In der Schweiz führt es derzeit aber vor allem zur Inflation auf den Immobilienmärkten.

Welche Auswirkungen hat die Geldschöpfung der Banken auf die Wirtschaft? Da in der heutigen Wirtschaft «Geld aus dem Nichts» hauptsächlich über die Kreditvergabe der ­Geschäftsbanken geschaffen wird, hängt dies ganz entscheidend davon ab, was die Kunden einer Bank mit dem neu geschaffenen Geld machen. Dabei lassen sich die folgenden drei grundsätzlichen Möglichkeiten unterscheiden:

1. Reales Wachstum. Geld wird produktiv verwendet zur Finanzierung eines Mehreinsatzes bzw. einer Verbesserung der Produktionsfaktoren Arbeit und Realkapital, was eine Ausdehnung bzw. Veränderung der Produktion bewirkt.

2. Inflation bei Gütern und Dienstleistungen. Geld wird unproduktiv verwendet zur Finanzierung des Kaufs bereits existierender Güter und Dienstleistungen. In diesem Fall führt die Geldschöpfung zu Inflation, da sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöht, aber das Angebot konstant bleibt.

3. Inflation auf Finanz- und Immobilienmärkten. Geld wird unproduktiv zum Kauf von Wertpapieren (vor allem Aktien) und Immobilien verwendet. In ­diesem Fall findet die Inflation auf den entsprechenden Finanzmärkten oder dem Immobilienmarkt statt, ohne dass sie in den Statistiken als Inflation gemessen wird. Sie äussert sich dann in Form von steigenden Aktienkursen oder steigenden Grundstückpreisen, da die Nachfrage nach diesen Aktiven ansteigt, ohne dass sich das Angebot verändert.

Alle Auswirkungen sind zu beobachten

In der Realität können wir alle drei beschriebenen Auswirkungen beobachten, wobei allerdings je nach wirtschaftlicher Situation die eine oder andere dominiert. So war in Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg und des deutschen Wirtschaftswunders die produktive Verwendung von Krediten vorherrschend. Geldschöpfung bewirkte vor allem reales wirtschaftliches Wachstum. Umgekehrt dominierte dort nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Hyperinflation im Jahre 1923 die unproduktive Verwendung von Geld, wie dies immer der Fall ist, wenn zu schnell zu viel Geld geschaffen wird.

Die spekulativen Auswirkungen der Geldschöpfung auf den Finanz- oder ­Immobilienmärkten waren in der Vergangenheit meist auf bestimmte Episoden beschränkt, wie zum Beispiel beim Börsenboom und beim nachfolgenden Crash in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre in den Vereinigten Staaten. In neuster Zeit aber werden auch diese Auswirkungen zunehmend zu einem Dauerphänomen.

Die unproduktive Verwendung von neu geschaffenem Geld auf Finanz- und Grundstückmärkten gewinnt immer mehr an Bedeutung. Hypothekarkredite machen heute in den meisten entwickelten Volkswirtschaften den grössten Anteil der von Banken vergebenen Kredite aus, und diese Kredite werden vor allem auch zum Kauf von bestehenden Liegenschaften verwendet. Die Folge davon ist, dass sich die Inflation verlagert. Sie findet in der Schweiz nicht mehr bei Gütern und Dienstleistungen, sondern bei Immobilien statt.