Das grösste Laster

Sonntag SZ
Von Mathias Binswanger

Was ist das grösste Laster von Führungspersönlichkeiten in der Schweiz? Ehrgeiz? Neid? Missgunst? Habgier? Hochmut? Masslosigkeit? Geltungssucht? Intoleranz? Überheblichkeit? oder gar sexuelle Ausschweifungen? Nein nichts von alledem. Schweizer Führungspersönlichkeiten stehen als reife, verantwortungsbewusste und edle Menschen über solchen Dingen. Auf die Frage "Was ist ihr grösstes Laster?" im Rahmen der jede Woche erscheinenden Rubrik 33 Fragen in der NZZ executive Beilage lautet die häufigste Antwort: Süssigkeiten! Egal ob Direktor des Bundesamtes für Verkehr, Inhaber einer Personalberatungsfirma, Dozentin an der Fachhoschschule Luzern, Leiterin Wirtschaftspolitik bei Travail Suisse oder Managing Director der Deutschen Bank in London: durch nichts gerät die Schweizer Elite moralisch mehr in Bedrängnis als durch süsse Verführungen. Ein paar Ausnahmen gibt es allerdings: für Alexandra Wittmann, Finanzchefin Colt Telecom AG stellen Kartoffelchips das grösste Laster dar und für André Diem, Geschäftsführer der Diem Client Partner AG ist es der Rotwein.

 

Eigentlich müsste das ja ein grossartiges Land sein, wo die grössten Laster der Führungspersönlichkeiten nur noch ihre Ess- und Trinkgewohnheiten betreffen. Man ginge dort gerne zur Arbeit und würde sich jeden Tag über die Begegnung mit dem Chef freuen. Und wir hätten weder Finanzkrise noch überhöhte Bonuszahlungen an Topmanager, denn niemand wäre gierig, masslos oder neidisch und hätte immer höheren Renditen und Salären nachgejagt. Da wir jedoch sowohl Finanzkrise, überhöhte Bonuszahlungen und mit ihren Chefs unzufriedene Menschen en masse haben, kommt der Verdacht auf, dass die Führungspersönlichkeiten ihre wahren Laster verschweigen.

Es zeigt sich einmal mehr, dass unsere angeblich so offene Gesellschaft in Wirklichkeit eine Heuchlergesellschaft ist, in der niemand grössere Schwächen oder Laster zugibt, wenn er nicht mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen wird. Und bei der Rubrik „33 Fragen“ ist das nicht der Fall. Man kokettiert hingegen gerne mit kleinen Unzulänglichkeiten wie zum Beispiel mit dem etwas zu hohen Konsum von Süssigkeiten. Echte Laster gehören hingegen nicht zu dem heute gerne zelebrierten Image einer stets leistungsbereiten und positiv denkenden Führungspersönlichkeit, die permanent  dafür arbeitet, dass es uns allen immer besser geht.

Eine Kompliment muss deshalb zum Schluss Mario Hintermann, CEO von Abacus ausgesprochen werden, der als einziger der in letzter Zeit Befragten zugibt, eine Portion Überheblichkeit zu besitzen und stur zu sein. Da sind wir doch schon fast wieder in der Realität.