Mathias Binswanger zur Finanzkrise: Schlechte Risiken gut verkauft

 © BILANZ 13/10 02.07.2010

Die jüngsten Krisen haben eine ähnliche Ursache: Banken liehen an nicht kreditwürdige Kunden Geld aus, weil sie Mittel fanden, die «schlechten Kredite» aus ihren Bilanzen zu entfernen. 

Was hat der griechische Staat mit einem Teil der amerikanischen Hausbesitzer gemeinsam? Beide erhielten über Jahre grosszügige Bankkredite, obwohl sie nicht kreditwürdig waren. Auf diese Weise ermöglichte es der griechische Staat seinen Angestellten, mit wenig oder ganz ohne Arbeit relativ viel Geld zu verdienen. Und in den USA wurden Menschen ohne Eigenkapital und oft auch ohne Einkommen dank der Gewährung von «Sub­prime»-Hypotheken zu stolzen Eigenhausbesitzern. 

Allerdings kann man weder den Hypothekenschuldnern mit niedriger Bonität noch dem griechischen Staat wirklich grosse Vorwürfe machen. Wenn einem das Geld buchstäblich nachgeworfen wird, braucht es schon eine sehr calvinistische Einstellung, um dieser Versuchung zu widerstehen.

Die treibende Kraft waren in beiden Fällen Banken. ­Diese stehen von Zeit zu Zeit vor dem Problem, dass die Kreditvergabe zu stagnieren droht, weil die nach üblichen Massstäben als kreditwürdig eingestuften Kunden sich nicht weiter verschulden ­wollen. Weitere Gewinne lassen sich dann nur noch mit Krediten an nicht kreditwürdige Kunden erzielen. Dazu braucht es einen Trick: Die «schlechten» Kredite werden von den Finanzinstituten in komplexe, angeblich sichere Wertpapiere verwandelt. Da dank der Strukturierung die tatsächlichen Risiken nicht mehr erkennbar sind, lassen sich diese Papiere eine Zeit lang gewinnbringend verkaufen. Auf diese Weise können Banken «schlechte» Kredite aus ihren Bilanzen entfernen.

Wie funktionierte der Trick bei den griechischen Staatsschulden? Hier bedienten sich Wall-Street-Banken, allen voran Goldman Sachs, sogenannter Cross-Currency Swaps. Mit diesem Instrument kann ein Staat in Fremdwährungen aufgenommene Kredite in seine eigene Währung tauschen. Die Verwendung fiktiver Dollar-Euro-Wechselkurse erlaubte es den Wall-Street-Banken nun aber, Griechenland über solche Swaps versteckte Kredite zu gewähren und diese mit Gewinn an hauptsächlich europäische Banken zu verkaufen. So wurde das Risiko eines griechischen Staatbankrotts lange geschickt verborgen – wobei die Griechen mit ihrer Bilanzkosmetik die Verschleierung noch vorantrieben.