Finanzprodukte und Nahrungsmittel: Pseudovielfalt

Von Mathias Binswanger

Das heutige Angebot an Finanzprodukten ist kaum mehr zu überblicken. Banken und andere Finanzdienstleister offerieren uns eine riesige Palette von Fonds mit Obligationen, Aktien, Rohstoffen, Immobilien und strukturierten Produkten für die unterschiedlichsten Firmen, Branchen und Länder. Wer allerdings glaubte, dass sich dadurch auch die Möglichkeiten zur Risikodiversifizierung verbessert haben, wurde in der letzten Krise schnell eines Besseren belehrt. Egal wo man sein Geld angelegt hatte. Alles ging den Bach runter, und die Frage war nur noch, ob etwas mehr oder etwas weniger.

Im Grunde ist die Entwicklung bei den Finanzprodukten ähnlich wie bei den Nahrungsmitteln. Die Vielfalt der Nahrungsmittel für den Konsumenten nimmt ständig zu, und wir haben immer mehr Auswahlmöglichkeit etwa zwischen verschiedenen Brotsorten, Gebäck und Kuchen. Doch wenn man genau hinschaut, dann steckt überall derselbe Rohstoff drin. In diesem Fall handelt es sich um Weizen, der herkömmliche lokale Getreidesorten mehr und mehr verdrängt hat. Die Zunahme der Vielfalt bei den Endprodukten korrespondiert mit einer zunehmenden Einfalt der verwendeten Rohstoffe, Dadurch entstehen aber neue globale Risiken. Wird etwa der Weizen von einem bestimmten Schädling befallen, dann steckt der Wurm nachher im Unterschied zu früher buchstäblich in all den unzähligen, aus Weizen hergestellten Backwaren drin.

Kehren wir zurück in den Finanzbereich. Dort sind Finanzdienstleister intensiv damit beschäftigt bestehende Investitionsmöglichkeiten neu zu kombinieren und zu strukturieren, um sie dann ihren Kunden als neues Produkt anzupreisen. Doch egal, welches Produkt man auch erwirbt und sosehr man sich auch bemüht, ein diversifiziertes Portfolio zusammenzustellen, am Schluss steckt dank der Globalisierung der Finanzmärkte überall derselbe „Rohstoff“ drin. Ausfälle bei Hypothekarkrediten im Subprime-Bereich in den USA zogen die Börsen weltweit in den Keller und kaum ein Wertpapier, egal in welchem Land, erwies sich gegenüber diesem neuen Risiko als resistent.

Risikodiversifikation funktioniert nur solange, wie es viele lokale Investitionen gibt, deren Renditen untereinander wenig korrelieren. Diese lokalen Investitionen verschwinden aber zunehmend, und fast in jedem Wertpapier stecken heute die gleichen globalen Grossrisiken. Die enorme Vielfalt der von den Finanzdienstleistern angebotenen Produkte erweist sich deshalb immer mehr als Pseudovielfalt.